Die Elektrokrampftherapie (EKT) gehört zu den am häufigsten missverstandenen psychiatrischen Behandlungsverfahren. Viele Menschen in Deutschland verbinden EKT noch immer mit beängstigenden Bildern aus Filmen oder mit historischen Behandlungsmethoden, die heute längst überholt sind.

In Wirklichkeit ist die moderne EKT ein streng reguliertes medizinisches Verfahren, das in spezialisierten Kliniken eingesetzt wird – insbesondere bei schweren Depressionen, wenn andere Therapien nicht ausreichend helfen oder eine rasche Symptomlinderung notwendig ist.

In diesem Artikel räumen wir mit einigen der häufigsten Mythen rund um die Elektrokrampftherapie auf und erklären, wie EKT heute tatsächlich angewendet wird.

Mythos 1: Die Elektrokrampftherapie ist schmerzhaft und traumatisch

Fakt:
Die moderne EKT erfolgt ausschließlich unter Vollnarkose. Patient:innen schlafen während der gesamten Behandlung und verspüren keinerlei Schmerzen. Zusätzlich werden Muskelrelaxantien verabreicht, um starke körperliche Bewegungen zu verhindern.

In Deutschland wird die EKT von einem spezialisierten Team aus Fachärzt:innen für Psychiatrie, Anästhesist:innen und Pflegepersonal durchgeführt. Herzfrequenz, Atmung und andere Vitalparameter werden kontinuierlich überwacht. Der Eingriff selbst dauert nur wenige Minuten.

Die belastenden Darstellungen, die viele Menschen aus älteren Filmen kennen, haben mit der heutigen medizinischen Praxis nichts mehr gemeinsam.

Mythos 2: EKT verursacht unkontrollierte oder gefährliche Krampfanfälle

Fakt:
Bei der Elektrokrampftherapie wird ein kurzer, kontrollierter elektrischer Impuls eingesetzt, um gezielt einen therapeutischen Krampfanfall auszulösen. Dieser dauert in der Regel weniger als eine Minute und findet unter streng kontrollierten Bedingungen statt.

Der ausgelöste Anfall unterscheidet sich deutlich von spontanen epileptischen Anfällen. Ziel ist es, bestimmte neurobiologische Prozesse zu aktivieren, die mit der Regulation von Stimmung und Depression in Zusammenhang stehen. Die genaue Wirkweise wird weiterhin erforscht, gilt aber als gut untersucht im klinischen Kontext.

Mythos 3: Die Erholung nach einer EKT-Behandlung dauert sehr lange

Fakt:
Die meisten Patient:innen erholen sich relativ schnell von einer EKT-Sitzung. Nach dem Aufwachen aus der Narkose kann es kurzfristig zu Benommenheit oder leichter Verwirrtheit kommen, ähnlich wie nach anderen Eingriffen unter Vollnarkose.

In vielen Fällen können Patient:innen die Klinik noch am selben Tag wieder verlassen. Vorübergehende Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Gedächtnisprobleme können auftreten, werden aber eng überwacht und individuell besprochen.

Mythos 4: Elektrokrampftherapie ist eine veraltete Behandlung, die kaum noch eingesetzt wird

Fakt:
Die Elektrokrampftherapie ist auch heute ein anerkanntes Verfahren in der psychiatrischen Behandlung und wird in Deutschland weiterhin eingesetzt – insbesondere bei:

  • schweren depressiven Episoden
  • therapieresistenter Depression
  • bestimmten Formen bipolarer Störungen
  • akuten Situationen, in denen eine schnelle Wirkung erforderlich ist

EKT wird in der Regel dann in Erwägung gezogen, wenn Psychotherapie und medikamentöse Behandlungen nicht ausreichend wirksam waren oder nicht vertragen wurden. Sie ist Teil eines umfassenden therapeutischen Gesamtkonzepts und wird individuell entschieden.

Einordnung: EKT und moderne Alternativen

Obwohl die Elektrokrampftherapie für bestimmte Patientengruppen wirksam sein kann, ist sie ein invasives Verfahren, das ausschließlich im klinischen Umfeld durchgeführt wird.

In den letzten Jahren wurden zudem nicht-invasive neuromodulatorische Ansätze weiterentwickelt, die bei Depressionen eingesetzt werden können. Dazu zählt unter anderem die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), die ohne Narkose auskommt und zu Hause angewendet werden kann – immer begleitend zu einer ärztlichen oder therapeutischen Betreuung.

Welche Therapieform sinnvoll ist, hängt stets von der individuellen Situation, dem Schweregrad der Depression und der bisherigen Behandlungsgeschichte ab.

Fazit

Die Elektrokrampftherapie ist weder barbarisch noch willkürlich, sondern ein modernes, streng kontrolliertes medizinisches Verfahren, das in bestimmten Fällen eine wichtige Rolle in der Behandlung schwerer Depressionen spielen kann.

Gleichzeitig ist es wichtig, offen über Ängste, Nebenwirkungen und Alternativen zu sprechen. Eine informierte Entscheidung basiert auf Fakten – nicht auf Mythen.